Überlegungen zu Also Sprach Zarathustra
Berend ter Borg
Einführung
Der Untertitel Überlegungen zu Also Sprach Zarathustra wurde gewählt, da diese Arbeit eine Absicht hat, die schon im Voraus nicht realisierbar ist. Es handelt sich um den Versuch, eine Verbindung zwischen Nietzsches Auswahl einer fiktionalen Form für sein Werk Also Sprach Zarathustra einerseits und seinem widersprüchlichen Verhältnis zum aufkommenden Darwinismus andererseits zu entdecken. Eine außerordentlich komplizierte Frage, die im Bereich von fünfzehn Seiten nur annäherungsweise beantwortbar ist. Trotzdem wird diese Arbeit hoffentlich die Diskussion um einiges bereichern.
Die Frage entstand aus der Denkweise des Seminars Science und Fiction, es wird eine Art dialektische Argumentation verwendet. Im ersten Abschnitt werden einige Bemerkungen in Bezug auf die Verwendung fiktionaler Formen in der Philosophie im Allgemeinen und in Nietzsches Also sprach Zarathustra im Besonderen gemacht. Meine Auffassung zu diesem Thema steht vor allem unter dem Einfluss von Alexander Nehamas' und Claus Zittels Büchern über Nietzsche, und auch Theodor Adornos Monographie über Kierkegaard.
Im zweiten Abschnitt wird die Rede von Nietzsches allgemeiner Haltung gegenüber dem Darwinismus sein. Hier handelt es sich um eine sehr komplizierte Vorlage, es ist daher notwendig, hier gewisse Einschränkungen zu machen. Neben Aussagen von Nietzsche selbst beruht dieser Abschnitt, wo er Nietzsche anbelangt, vor allem auf Thomas H. Brobjer, Claus Spiekermann, und Michael Skowron. Für eine präzise Untersuchung des zeitgenössische Darwinismus fehlte die Zeit, daher fußt diese Arbeit auf Aussagen von Daniel C. Dennett, Stephen Jay Gould und Richard Dawkins.
Am Anfang des dritten Abschnitts hat der Leser also eine gewisse Kenntnis sowohl vom Wissenschafts- als auch vom Fiktionshintergrund von Also Sprach Zarathustra. Nun folgt die Aufgabe, diese beiden miteinander und mit den Grundgedanken Nietzsches in Verbindung zu bringen. Zu diesem Zweck werden die beide Elemente innerhalb der Zeitgeschichte und des Werks Also Sprach Zarathustra kontextualisiert. Hierfür wird zunächst das Poppersche Konzept des Historizismus verwendet. Dann werden wir beobachten, wie das scheinbar darwinistisch und historizistisch inspirierte Konzept des Übermenschen innerhalb von Also Sprach Zarathustra aufgefasst wird, und welche Schlussfolgerungen wir daraus für Nietzsche, die Fiktionalität von Also Sprach Zarathustra und dem Verhältnis zum Darwinismus ziehen können.
1. Fiktionalität in der Philosophie
Es gibt im neunzehnten Jahrhundert nur noch sehr wenige Philosophen, die damit fortfahren, in ihren philosophischen Werken fiktionale Persönlichkeiten einzuführen; und diejenigen, die es noch tun, sind allerdings philosophische Außenseiter. In der akademischen Philosophie ist so etwas nicht mehr erlaubt. Es bleibt dabei allerdings noch die Frage, inwieweit sich Philosophen und Dichter dem neuen Unterschied fügen, und ob es eher so ist, dass dichterische Philosophen manchmal nicht mehr als Philosophen rezipiert werden. In seiner Monographie über Kierkegaard neigt Theodor W. Adorno zur letzteren Ansicht:
„Daß gleichwohl fast allen im eigentlichen Verstande ‘subjektiven' Denkern beschieden war, als Dichter eingereiht zu werden, erklärt sich mit der Gleichsetzung von Philosophie und Wissenschaft, die das neunzehnte Jahrhundert vollzog.“
Die Folgen sind für solche philosophischen Werke verheerend:
„Sobald Philosophie solchen Ursprungs als ‘Dichtertum' duldsam anerkannt wird, ist zugleich die Fremdheit ihrer Ideen abgewehrt, in der sich ihre Macht über das Wirkliche kundgibt samt dem Ernst ihres Anspruchs.“
Implizit sagt Adorno, dass es meist radikale Denker sind, die noch eine ans Literarische grenzende Form wählen. Die akademische, bürgerliche Philosophie hat sozusagen die Belletristik als Gattung erfunden, damit gewisse gefährliche Ideen als unwahr und unwichtig entschärft werden können. In dieser Hinsicht wird die Lage solcher Denker rasch komplizierter. Denn, wenn diese Gefahr droht, warum entscheiden sie sich dann noch für eine belletristische Form? Sind sie sich der Gefahr, ausgegrenzt zu werden, nicht bewusst? Ist es ihnen gleich, ob ihre Aussagen ernst genommen werden oder nicht? Oder macht gerade die Radikalität ihrer Ideen es ihnen unmöglich, sie in eine akademische Form zu fassen, und drängt ihnen ihre Philosophie sozusagen eine fiktionale Form auf?
Im Falle Kierkegaards betont Adorno aber, dass seine Tätigkeit belletristisch letztendlich nicht ausreichend ist, um als Literatur Geltung haben zu können:
„In ihren Farben versteckt sich, in ihrem bürgerlichen Miniaturformat verkleinert sich die große Intention des Allegorischen, die in seiner Philosophie zu hoher Dignität gelangt, unvereinbar jedoch ist mit dem psychologischen Roman, der in seinen Anfängen ihn lockte.“
Hier widerspricht Adorno sich scheinbar. Was glaubt er? Dass die akademischen Philosophen subjektive, radikale philosophische Werke ausgrenzen, damit man ihre weitreichenden Implikationen nicht ernst zu nehmen braucht? Dass der Philosoph Kierkegaard zwar den Willen hat, belletristisch zu schreiben, aber dann doch in allegorischen Darstellungen stecken bleibt? Die logische Schlussfolgerung, die von Adorno nicht gezogen wird, ist, dass Kierkegaard als Philosoph Anerkennung gefunden hat, gerade weil er als Künstler scheiterte, so dass die Philosophie mit einer gewissen Verspätung trotzdem gezwungen war, ihn als Philosophen anzuerkennen.
Die Folgen dieser Denkweise für die Stellung der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts in der Welt sind ironisch. Deutsche Philosophen aus jenem Jahrhundert werden international viel stärker wahrgenommen als ihre Gegenstücke in der Literatur. Und es sind gerade zwei „literarisch“ schreibende Philosophen, die, nach dem Idealismus, Anerkennung genossen haben: Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Es gibt, mit der möglichen Ausnahme Goethes, keinen Schriftsteller im deutschen neunzehnten Jahrhundert mit einer vergleichbar großen internationalen Bedeutung wie diese beiden. Soll man dann, nach Adorno, glauben, dass es in dieser Zeit Schriftsteller gegeben hat, die, wenn sie nur weniger auf ein künstlerisch anspruchsvollen bestanden hätten, dieselbe Bedeutung in der Philosophie hätten erreichen können wie diese beiden?
Es gibt viele Gründe warum philosophische Werke im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr häufig eine fiktionale Form annehmen. Zu Beginn der Geschichte der Philosophie gab es keinen Unterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft, und einen fließenden Übergang zwischen Philosophie und Wissenschaft einerseits und Kunst andererseits. Musterbeispiel ist Platon, der seinen Sokrates sprechend als einen fiktionalisierten Charakter einführt, und ihn vermutlich Stück für Stück immer mehr fiktionalisiert hat, das heißt: ihm Aussagen zugeschrieben hat, die, aus heutiger Sicht, nicht tatsächlich von dem historischen Sokrates stammen können. Die Form des Dialogs war noch sehr lange ein bevorzugtes Mittel, um fiktionale Charaktere wirkliches Wissen übermitteln zu lassen, etwa in einem wissenschaftlichen Schlüsseltext wie den Galileïschen Discorsi. Die Formen wechseln, aber die Methode, philosophische Gedanken literarisch zu gestalten, wird im achtzehnten Jahrhundert fortgesetzt, zum Beispiel mit dem Werk Emile von Jean-Jacques Rousseau. Die Tatsache, dass es im neunzehnten Jahrhundert plötzlich eine stärkere Spaltung zwischen Philosophie, Literatur und Wissenschaft gibt, muss auf verschiedenen Ebenen geklärt werden. Mit Adorno lässt die Frage sich soziologisch beantworten. Plötzlich ist die Philosophie in den Universitäten institutionalisiert, zur selben Zeit wird die Literatur zu einer Art Industrie und es wird schwieriger, zwischen den beiden Bereichen zu pendeln, wie Rousseau es noch unter dem Ancien Régime tun konnte. Ebenso wird es auch schwieriger, sowohl als Schriftsteller als auch als Naturwissenschaftler glaubwürdig zu sein, so wie Goethe es noch tat.
Mit Nietzsche und Heidegger könnte man diese Tatsache geistesgeschichtlich erklären, allerdings ohne die soziologische Erklärung abzustreiten. Wissenschaft und Philosophie haben sich, dank einer Weiterentwicklung des Platonismus über Descartes, als metaphysische Denkweisen entfaltet. Der Wissenschaftler und der Philosoph glaubt, neben der Wirklichkeit zu stehen, und hofft, durch die Wirklichkeit eine tiefere Wahrheit erblicken zu können. Die Literatur, andererseits, ist zunehmend darum bemüht, die materielle Wirklichkeit darzustellen. Das neunzehnte Jahrhundert wird, in seiner Haupttendenz, das Zeitalter der immer mehr auf die unmittelbar vorhandene Wirklichkeit Bezug nehmenden Gattungen: so beispielsweise die Naturlyrik, der realistische und naturalistische Roman und das bürgerliche Trauerspiel.
Noch eine Betrachtungsweise: mit dem Zerbrechen der Allegorie lässt sich die Literatur weniger gut zur Übermittlung genauer Wissensinhalte nutzen. Die Eindeutigkeit der Wörter wird zerstört. Bis zum barocken Zeitalter gab es eine Sprache von Zeichen und Symbolen, die von jedem gebildeten Leser verstanden wurde. Das war vor allem wegen einer relativ begrenzten Tradition möglich, die auf dem Christentum und einer Auswahl von Klassikern gründete und nicht viel mehr einbezog. Weil auch das Wissen relativ begrenzt war, war es einer einzigen Person noch möglich, mit allem verfügbaren Wissen vertraut zu sein. Auf der höchsten Stufe des Lernens wusste darum ein jeder mehr oder weniger dasselbe. Mit der Aufklärung ging diese Zeit zu Ende. Das Wissen vermehrte sich und hörte auf, eindeutig zu sein. Der Philosoph musste sich davor hüten, falsch verstanden zu werden.
In dem Buch, das sein philosophisches Hauptwerk sein soll, es aber wegen der oben genannten Tatsachen von der Rezeption aus gesehen vielleicht nicht ist, lässt Friedrich Nietzsche sich auf genau dieses Risiko ein.
Praktisch war die Wirkung von Also Sprach Zarathustra sehr lange philosophisch zweifelhaft. Es wurde als Prophezeiung und als Dichtung wahrgenommen, wie Claus Zittel bemerkt:
„Man sah den Zarathustra als dichterisch-expressives Kunstwerk an. Im Gegenzug dazu galt es gerade für die Initiatoren der ‘Nietzsche-Renaissance´ Nietzsche als Philosophen vorzustellen, um ihn so in der akademischen Diskussion etablieren zu können.“ (Zittel, S. 6)
Es war ein Werk, das von der Masse der Nietzsche-Leser und vor allem auch von literarischen Figuren wahrgenommen wurde, von professionellen Philosophen im Vergleich zu anderen Werken jedoch eher weniger.
Laut Alexander Nehamas ist Nietzsches Tätigkeit geprägt von einer inhärenten Ironie. Er verfügt über eine Vielfalt an ausgeprägten Standpunkten, will aber keinen Schreibstil verwenden, der diese Standpunkte vermittelt, ohne auch seine Ambiguität über das Denken zu vermitteln. Bei vielen Philosophen ist der Schreibstil „neutral“, nur gewählt, um Wissensinhalte so effektiv wie möglich zu vermitteln. Nietzsche macht den Stil zum Problem. „His (Nietzsches) many styles are part of his effort to present views without presenting them as more than views of his own and are therefore part of his effort to distinguish his practice from what he considers the practice of philosophers so far.“ Also Sprach Zarathustra ist, als Werk, das an die belletristische Tradition anklingt, ein Musterbeispiel: „Thus Spoke Zarathustra is notoriously difficult to classify…… it embodies a complex narrative structure in the course of which the character of Zarathustra develops radically“ Der Schreibstil dieses Werkes wird von ihm aus einem inneren Widerspruch in Nietzsches Denken erklärt. Einerseits hat er Gedanken, von denen er Menschen überzeugen möchte: eine dieser Ideen ist aber genau diejenige, dass die Menschen sich nicht so leicht überzeugen lassen sollen. Nietzsche weigert sich, von der Position der Autorität aus zu sprechen, die Philosophen, Wissenschaftler und auch religiöse Denker sich angemaßt haben. Er widersetzt sich der zeitgenössischen Philosophie, nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Form.
Nach dieser Sichtweise führt Nietzsche mit Zarathustra einen ironischen Propheten ein. Einen Propheten, der sich selbst scheinbar widerspricht, der öfter als nur gelegentlich dagegen anzugehen scheint, was man allgemein als vernünftig betrachtet, usw. Ein Prophet auch, der ständig so gehoben, oder, laut Nehamas, hyperbolisch spricht, dass er permanent mit dem in Konflikt gerät, das aus der Sicht der modernen Leser angemessen ist. Die Aussagen Zarathustras sind nicht ausreichend eindeutig, um als Grundlage für ein Weltbild zu dienen. Ein ironischer Prophet ist ein Prophet, der sich dessen bewusst ist, dass er nicht immer unbedingt recht hat. Als solchen kann man ihn als fiktionalisierte Figur betrachten. Nehamas nimmt Zarathustra als den direkten Gegenpart zu Platons Sokrates wahr. Nietzsche gestaltet sich als der Anti-Platon, und sein Zarathustra ist also ein Anti-Sokrates. Es handelt sich bei Zarathustra formal um Monolog statt Dialog, Übertreibung statt Untertreibung. Und, vom Gedanken her, um Sein in der Welt statt Metaphysik. Aber die Ähnlichkeit ist, dass sowohl Nietzsche als auch Platon zum Denken anregen und nicht alles vorhersagen wollen. Sokrates betont stets, dass er nichts weiß: Zarathustra sagt, dass er alles weiß, aber die Weise, in der er dies tut, ist mit Absicht derartig überheblich, dass ein kritischer Leser sofort zu zweifeln beginnt.
2. Nietzsche und der Darwinismus
Nietzsche reagiert nicht lediglich auf den Darwinismus, sondern auf den Darwinismus in seinem Kontext, einerseits innerhalb der Geistesgeschichte, andererseits innerhalb der Naturwissenschaften.
Die Naturwissenschaften waren zur dieser Zeit weniger zersplittert als heutzutage. Die Ansprüche waren höher. Die Wissenschaft hatte noch die Ambition, alle Fragen der Welt beantworten zu können. Als Philologe, also als Vertreter dessen, was später Geisteswissenschaft genannt wurde, war Nietzsches Verhältnis zur Naturwissenschaft so etwas wie das Verhältnis des Staatsbürger eines kleinen Landes gegenüber einem aggressiven, sich auf die Annexion vorbereitenden größeren Nachbarn. Kurz vorher hatte Auguste Comte ein Programm vorgeschlagen, nach dem auch die Geisteswissenschaften auf naturwissenschaftlicher Basis reorganisiert werden könnten. Für Nietzsche war eine neutrale Haltung gegenüber den Naturwissenschaften unmöglich, und eine nicht widersprechende Haltung kaum möglich. Die Naturwissenschaft spielte, aus der Sicht Nietzsches, gelegentlich eine bejahende, und dann wieder eine verneinende Rolle dem herrschenden Weltbild gegenüber. Klaus Spiekermann sagt hierzu:
“Als Moral- und Metaphysik-Kritik bejaht Nietzsche die neuzeitliche Naturwissenschaft; als Metaphysik-Ersatz bekämpft er sie…..”
Der Gedanke der Umwertung aller Werte beispielsweise ist auch ein Gedanke des Mittelpunktsverlusts, so wie der Aphorismus „Der Tolle Mensch“ aus der Fröhlichen Wissenschaft bezeugt. Er ist der Naturwissenschaft dankbar für die Unterminierung des christlichen Weltbildes, hat aber zugleich die Ansicht, dass Wissenschaft nicht selbst Weltbild sein kann. Die ursprüngliche Wissenschaft baute auf dem moralischen Fundament des Christentums auf. Jetzt ist das Christentum von der Wissenschaft vernichtet worden, aber findet die Wissenschaft kein neues moralisches Fundament, wird sie die Welt zerstören. Dieses Fundament kann die Wissenschaft nicht in sich selbst finden, es muss abermals von außen kommen.
Nietzsches Bezugnahme auf den Darwinismus ist widersprüchlich, so Thomas H. Brobjer, und nicht nur wegen Nietzsches allgemeiner Neigung zur Widersprüchlichkeit der Wissenschaft gegenüber. Erstens hatte Nietzsche den Darwinismus intensiv aus einer Vielzahl von Quellen rezipiert, aber vermutlich kaum von Darwin selbst. Er ist vom Darwinismus beeinflusst, hat dem Darwinismus bisweilen zugestimmt, sich aber häufiger als Gegner der Darwinismus positioniert.
Es ist hierbei wichtig zu betonen, dass der Darwinismus eine biologische und keine philosophische oder kulturwissenschaftliche Theorie ist. Sobald ihre Ergebnisse auf diese Bereiche übertragen werden, verschwindet ihre Eindeutigkeit. Elemente des Darwinismus können für sehr verschiedene Zwecke angewendet werden.
Darwin hat zwei ganz unterschiedliche Sachen getan: er hat einerseits den Kampf um das zentrale Thema der Biologie begonnen und hat, andererseits, auch gesiegt. Stephen Jay Gould schreibt:
„Darwin did two very separate things: he convinced the scientific world that evolution had occurred, and he proposed the theory of natural selection as its mechanism….. Darwin failed in the second quest during his lifetime……. Its Victorian unpopularity, in my view, lay primarily in its denial of general progress as inherent in the workings of evolution. Natural selection is a theory of local adaptation to changing environments. It proposes no perfecting principles, no guarantee of general improvement…..”
Der Darwinismus, der im ersten Ansatz popularisiert wurde, so Gould, war nur der Teil der Theorie, der sich mit dem Fortschrittsoptimismus des Zeitalters in Übereinstimmung bringen ließ. Der Mensch sei gegenwärtig der Höhepunkt der Schöpfung. Alles was bisher in der Evolution geschehen sei, sei nur Vorbereitung auf den Menschen gewesen.
Der Sieg des Darwinismus im Ganzen sollte aber noch achtzig Jahre in Anspruch nehmen. In den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war es mit der Entdeckung der DNA endlich soweit, dass innerhalb der Evolutionslehre bzw. innerhalb der Biologie im Ganzen, Darwins Position unangreifbar wurde. Auch kam der Gedanke auf, teilweise als Folge der Entdeckung des Aussterbens zahlreicher Arten, dass es in der Naturgeschichte nicht immer unbedingt nur aufwärts geht.
Gegner Darwins sind seit den vierziger Jahren auch Gegner der Evolutionslehre und der Biologie, oder sogar Gegner der Wissenschaft. In der modernen Zeit wäre jemand beim Lesen des Titels Anti-Darwin sofort überzeugt, es mit einem Wissenschaftsfeind zu tun zu haben. In der Zeit Nietzsches konnte man aber noch wissenschaftlich ehrenwerte Einwände gegen Darwin haben. Die Lamarckianische Evolutionslehre, die jetzt als völlig überholt gilt, war dies damals noch nicht. Darwin selbst hat sich nie dagegen ausgesprochen, und nur eine Alternative formuliert, zuerst nur als Ergänzung. Die Ergänzung hat seitdem allerdings die ganze Evolutionslehre übernommen. Das Selektionsprinzip als einzige Basis für die Evolution anzunehmen war umstritten. Noch heute führen die Befürworter von Kreationismus und Intelligent Design an, dass manches in der Natur einfach zu komplex sei, um sich mittels natürlicher Selektion entwickelt zu haben. Damals zweifelten auch akademische Biologen noch an dieser Tatsache. Ihrer Meinung nach konnten exogene (von außen kommende) Ursachen, die dann durch Selektion zum Überleben Weniger führten, unmöglich die Urheber der Evolution in ihrer Gänze sein. Das ist auch die Ansicht Nietzsches:
„Der Nutzen eines Organs erklärt nicht seine Entstehung, im Gegenteil! Die längste Zeit, während deren eine Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm nicht, am wenigsten im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.“
Was Nietzsche gegen Darwin einzuwenden hat, zum Beispiel in seinem Anti-Darwin aus der Götzen-Dämmerung, ist zum Teil eher eine Reaktion gegen den Darwinismus als Fortschrittsglauben denn gegen Darwin. Er bemerkt dort:
“Die Gattungen wachsen nicht in der Vollkommenheit: die Schwachen werden immer wieder über die Starken Herr, - das macht, sie sind die grosse Zahl, sie sind auch klüger….”
Nietzsche hat Darwin hier missverstanden. Auch im Darwinismus wird Klugheit als Alternative zur Stärke hervorgehoben. Der Affe, etwa der Schimpanse, gehört zu den schwächeren Tieren und muss mit Klugheit dieses Defizit auszugleichen versuchen. In den biologischen Theorien entwickelt er beiläufig einen Geist. Er entsteht als Nebenprodukt der zunehmenden Klugheit. Es ist im Darwinismus kein Zufall, dass nicht beispielsweise die Löwen oder die Elefanten zuerst Bewusstsein erlangt haben. Ähnlich äußert sich Nietzsche selbst im Anti-Darwin dazu: Man muss Geist nötig haben, um Geist zu bekommen. Ein Darwinscher Gedanke, verwendet als Argument gegen Darwin. Nietzsche sagt: „Darwin hat den Geist vergessen .... die Schwachen haben mehr Geist….“ Im selben Abschnitt definiert Nietzsche den Begriff „Geist“, und zwar nicht als etwas, das auf die Existenz bezogen ist, ein Mittel zur Philosophie und Theologie, sondern als etwas, das zum Überleben dienlich ist:
“Ich verstehe unter Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die Geduld, die List, die grosse Selbstbeherrschung und Alles, was mimicry ist (zu letzterem gehört ein grosser Theil der sogenannten Tugend).”
In Die Fröhliche Wissenschaft widersetzt Nietzsche sich auch der Wichtigkeit des Darwinschen „Kampf ums Dasein“: „Der Kampf ums Dasein ist nur eine Ausnahme, eine zeitweilige Restriction des Lebenswillens; der große und kleine Kampf dreht sich allenthalben ums Übergewicht, um Wachstum und Ausbreitung, um Macht, gemäß dem Willen zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist.“ (Nietzsche II, S. 215). Auch dagegen ist aus der Sicht des Neo-Darwinismus etwas einzuwenden: Es gehe in der Natur nicht um das „Überleben“, sondern um das „Weitergeben“: um „reproductive success“.
Andererseits gibt es Aussagen, in denen Nietzsche sich, direkt oder indirekt, dem Darwinismus anschließt. Vielleicht am bekanntesten ist der vierte Abschnitt im ersten Buch von Also Sprach Zarathustra, aus dem der Geist Darwins zu uns spricht – mit dem Grundsatz: „Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehn, als den Menschen überwinden?“ (Nietzsche II, S. 279).
Wegen der Ähnlichkeiten zwischen Nietzsche und dem eigentlichen Darwinismus ist es für Neo-Darwinisten verführerisch, sich Nietzsches Denken, jedenfalls teilweise, anzueignen. Einer der wichtigsten Philosophen des Neo-Darwinismus, Daniel C. Dennett, vergleicht andeutungsweise die ewige Wiederkehr des Gleichen von Nietzsche mit den gegenwärtigen Theorien über das Aufkommen und Untergehen der Arten. Unter Nietzsche-Experten werden derartige Gedanken teilweise ernst genommen. Michael Skowron beschreibt in seiner Abhandlung Nietzsches ,,Anti-Darwinismus“ die Einverleibung Nietzsches durch die Gegenwartsbiologie detaillierter. Er beschäftigt sich dabei eher mit einem Vergleich zwischen Nietzsche und Richard Dawkins als mit einem Vergleich zwischen Nietzsche und Darwin oder einer Untersuchung der Einflussnahme Nietzsches mit Bezug auf den Darwinismus seiner Zeit. Die Tatsache, dass „Anti-Darwinismus“ bei Skowron systematisch in Anführungszeichen steht, ist bereits sehr vielsagend. Im modernen Neo-Darwinismus ist nach Skowron ,,[d]er Kampf ums Dasein … eigentlich ein Kampf um Unsterblichkeit oder Ewigkeit.” Damit ist Nietzsches Einwand in seinem Aphorismus „Anti-Darwinismus“ schon teilweise widerlegt. Der „Kampf um Unsterblichkeit“ wird dann, einigermaßen leichtsinnig, gleichgesetzt mit dem Kampf um „Macht“, so wie Nietzsche sie definiert. Skowron geht, verweisend auf Dennett, noch weiter und versucht den scheinbaren Gegensatz zwischen dem „Willen zur Macht“ und der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“, mit dem sich Philosophen seit Karl Löwith schwergetan haben, mittels einer anderen Theorie von Dawkins, der „meme theory“, aufzuheben. „Meme theory“ ist ein an sich lobenswerter Versuch, eine Einheit zwischen den „life sciences“ und den Geisteswissenschaften zu schaffen. Der Gedanke ist in etwa folgender: Der Mensch besteht aus zwei Ebenen, der biologischen und der kulturellen. Die biologische Ebene wird von den Genen bestimmt, die kulturelle von einer Reihe Ideen, den „memes“. Die Gene benutzen den Menschen, um sich weitergeben zu lassen, die Meme tun genau dasselbe. Ein Mensch versucht beispielweise Geschlechtsverkehr zu haben, damit seine Gene sich in einen Nachkömmling reproduzieren können, und er versucht jemanden von seinem Glauben – zum Beispiel an das Christentum oder die Evolutionstheorie – zu überzeugen, damit die Meme sich reproduzieren können.
Das Problem mit der „meme theory“ ist, aus meiner Sicht, dass die Ähnlichkeiten zwischen Genen und Memen schlichtweg nicht tief genug gehen. Ein Mensch ist darauf programmiert, beispielsweise seine stumpfe Nase, die ihm vielleicht gar nicht gefällt, weitergeben zu wollen. Er sieht sich seinen Sohn oder seine Tochter in der Wiege an und beobachtet, dass diese genau dieselbe stumpfe Nase haben. Trotzdem ist er, obwohl er sich dessen nicht bewusst ist, nicht imstande, das Gen, das diese stumpfe Nase verursacht, nicht weitergeben zu wollen. Sein Geschlechtstrieb ist genau dieser Wille zum Weitergeben, auch zum Weitergeben des Schlechten an ihm. Demgegenüber ist er jedoch imstande, wenigstens zu versuchen, nur seine besseren Gedanken weiterzugeben, und zu versuchen, die schlechten Gedanken in ihm zu bekämpfen. Es sind die Umstände, die zur Selektion der Gene führen, und nicht das menschliche Bewusstsein. Das Bewusstsein ist ein Produkt der genetischen Evolution und nicht ihr Auslöser.
Wegen dieses Unterschiedes ist es – abermals aus meiner Sicht – relativ sinnlos, die kulturelle Vermittlung als grundsätzlich ähnlich mit genetischer Vermittlung aufzufassen. Die Wirkung der „meme theory“ innerhalb der Geisteswissenschaften wird darum wohl relativ gering bleiben.
Skowron aber setzt diese beide Ideen, „gene theory“ ebenso wie „meme theory“, mit der Nietzscheschen ewigen Wiederkunft des Gleichen gleich, auf die unten noch genauer eingegangen wird. Die unendliche Reproduktion menschlicher Eigenschaften und Ideen durch Gene und Meme sei so etwas wie die ewige Wiederkunft des Gleichen:
„Der Wiederkunftsgedanke ist im Grunde der einfachste denkbare Replikator, sofern er die ewige Replikation seiner selbst selber meint.“
Hier macht Skowron einen großen Fehler und missversteht die Bedeutung der ewigen Wiederkunft und damit ihr schwieriges Verhältnis zum Willen zur Macht. Die Weitergabe von Genen und Memen ist keinesfalls unvermeidlich. Ein Mensch kann sterben, ohne irgendetwas von sich weitergegeben zu haben. Die Tatsache, dass diese Weitergabe keine Unvermeidlichkeit ist, macht den Kampf ums Dasein erst zu einer Notwendigkeit. Man muss kämpfen, damit Gene und Meme überhaupt eine Chance haben, weiter zu bestehen.
Die ewige Wiederkunft des Gleichen dagegen ist unvermeidlich. Alles kommt zurück, ob man es will oder nicht, ob man sich dafür angestrengt hat oder nicht. Das Problem ist gerade, warum vor dem Hintergrund dieser Tatsache der Wille zur Macht noch etwas Lobenswertes ist: Wenn man die Welt nicht ändern kann, warum soll man sie trotzdem beeinflussen wollen?
Skowron versucht, diesen Widerspruch zu überwinden. Es ist, so behauptet er, ein kleiner Schritt vom Willen, sich zu reproduzieren, bis hin zum Willen, das alles sich wiederholt. „Mit ihm wäre die Geschichte der Selektionen zu Ende und die Geschichte des Versuchs der Einverleibung der Nicht-Selektion beginnt, ohne die Geschichte der Selektionen zu verneinen, da er dann wieder selektieren würde.“ Die ewige Wiederkunft des Gleichen also wie eine Art hegelianische Synthese von Darwinismus und Nietzscheschem Anti-Darwinismus. Selektion ist aber der Grundsatz der darwinistischen Theorien. Ein nicht-selektives Weltbild, so wie die ewige Wiederkunft des Gleichen, ist per definitionem in keiner Weise mit dem Darwinismus vereinbar.
Die ewige Wiederkunft des Gleichen ist aber keine Widerlegung des Darwinismus, denn es wäre möglich, dass die ewige Wiederkunft des Gleichen sich in einer unendlichen Reihe völlig identischer Zyklen abspielt und dass die Evolutionsgeschichte sich in jedem dieser Zyklen identisch wiederholt.
3. Nietzsche gegen den Historizismus
Nietzsche hat sich, als „Philosoph mit dem Hammer“, gegen eine ganze Reihe von Anschauungen aus der westlichen philosophischen Tradition gestellt. Deleuze meint, dass seine Grundgedanken gerade als Widerlegungen bestimmter Denkweisen gesehen werden müssen, und nicht, obwohl es Widerlegungen sind, als von der Tradition unabhängig gedacht werden können: „Dans une même polémique Nietzsche englobe le christianisme, l´humanisme, l´égoïsme, le socialisme, le nihilisme, les théories de l´histoire et de la culture, la dialectique en personne.“ Wir könnten sagen, dass er sich gegen das ganze westliche Denken stellte. Dabei bleibt es aber schwierig, das westliche Denken unter einen Nenner zu bringen. Nietzsche widerstrebt scheinbar eine Vielheit von Tendenzen. Das Antidialektische liegt bei ihm ganz klar an der Oberfläche. In seinen frühen Schriften, vor allem in Die Geburt der Tragödie, führt er zur Deutung verschiedener Phänomene noch dialektisch entgegengesetzte Prinzipien ein, aber in seinem Spätwerk ist er entschieden antidialektisch. Martin Heidegger hat vor allem Nietzsches Abneigung gegen die Metaphysik betont, eine Denkweise, die häufig, aber nicht immer, mit dialektischen Theorien verbunden ist.
Also sind „Dialektik“ und „Metaphysik“ zwei Konzepte, mit denen angedeutet werden könnte, welchen Denkweisen sich Nietzsche widersetzt. Ich möchte hier noch ein Konzept hinzufügen. Es handelt sich um eine Denkrichtung, die wir mit Karl Popper als „Historizismus“ bezeichnen können. Historizismus, in der Popperschen Definition, weist auf „an approach to the social sciences which assumes that historical prediction is their principal aim, and which assumes that this aim is attainable by discovering the ´rhythms´ or the ´patterns´, the ´laws´ or the ´trends´ that underlie the evolution of history“ hin. Später betont Popper aber, das der Historizismus letztendlich auch breiter gedeutet werden kann: „Historicism is a very old movement. Its oldest forms, such as the doctrines of the life cycles of cities and races, actually precede the primitive teleological view that there are hidden purposes behind the apparently blind decrees of fate….. Every version of historicism expresses the feeling of being swept into the future by irresistible forces.“
Er kann zur Andeutung einer Reihe von Philosophien benutzt werden, die glauben, die Geschichte habe einen ausgeprägten und für den Moment unsichtbaren Zweck, zu dessen Vorbereitung alles in der heutigen Welt diene. Metaphysik deutet auf eine Wirklichkeit außerhalb der Materie. Eine historizistische Theorie deutet auf eine Wirklichkeit hin, die sowohl historisch als auch zukünftig ist und über die heutige Zeit hinaus geht. Damit wird Historizismus als Begriff bei der Deutung des Nietzscheschen Denkens verwendbar. Nietzsches Auseinandersetzung mit dem Historizismus kann man in Also Sprach Zarathustra gut beobachten.
Als Zarathustra im vorhergehenden Absatz sagt: „… bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“ deutet er mit „überirdisch“ implizit auch überzeitliche Hoffnungen an. Eine ganze Reihe von Philosophien und Religionen, unter anderem das Christentum, die Hegelsche Dialektik, der Fortschrittsglaube (und die fortschrittsgläubige Auslegung der Darwinismus) und der Marxismus, die alle Aspekte des Historizismus aufweisen, werden in diesem Satz angegriffen.
Aber dann macht Zarathustra im nächsten Paragraphen eine Aussage, die scheinbar selbst historizistisch ist: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch.“ Die Menschheit scheint also doch ein Ziel zu haben: Alles soll beim Menschen darauf gerichtet sein, dass der Übermensch komme. Dies ähnelt dem Historizismus und dem Darwinismus.
Der Grundgedanke dieses Paragraphen ist in sich geistesgeschichtlich in zwei Teile gespalten. Einerseits gibt es den historistischen Aspekt: Zarathustra ist nach Johannes dem Täufer gestaltet, der als Verkünder Christi gilt. Ebenso verkündet Zarathustra den Übermenschen. Für diese Parallele hat Nietzsche sich bewusst entschieden, und darin offenbart sich schon seine geistige Gespaltenheit. Das Medium ist auch hier die Botschaft. Es ist unmöglich, einen Botschafter nach einer christlichen Figur zu gestalten, ohne dass man ihn wenigstens teilweise auch das Christentum vermitteln lässt. So auch hier. Das Christentum ist ein Paradebeispiel des historizistischen Denkens. Die Geschichte beginnt mit dem Sündenfall, in der Mitte steht der Kreuztod Christi, am Ende die Apokalypse. Der Verlauf der Zeit hat einen Zweck. In der Bibel ist es Christus, bei Zarathustra der Übermensch. Der Übermensch wird eine Art Erlöserfigur. Der Gedanke klingt nicht nur im Christentum an, sondern im ganzen Historizismus. Bei Hegel wartet die Welt auf Napoleon, beziehungsweise die im preußischen Staat fleischgewordene Freiheit, bei Marx wartet man auf das Arbeiterparadies. Christentum, Hegelsche Dialektik und Marxismus schaffen auch alle drei einen neuen Menschen. Der Darwinismus hat, in gewissen Auslegungen, dieselbe Absicht.
In Zarathustras Vorrede begegnen wir zwar einer Warnung Zarathustras gegen derartige Hoffnungen, aber dann, in Paragraph Vier, gestaltet er sich selbst als Verkünder einer großen Zukunft. Er gibt der Zeit einen Zweck und macht sie damit zur Geschichte.
Hier zeigt sich die Ironie von Also sprach Zarathustra. Das Denken Zarathustras entfaltet sich wie das Denken einer Romanfigur, und nicht wie das Denken eines Philosophen. Zarathustra verkündet am Anfang den Übermenschen, aber ob er, am Ende des Buches, als Figur (und ganz davon abgesehen, was Nietzsche selbst dachte) noch an den Übermenschen glaubt, und ob das Verkünden des Übermenschen noch seine Priorität ist, muss offen bleiben. Also sprach Zarathustra besteht aus vier Büchern: die letzte Erwähnung des Übermenschen ist im dritten Buch, im zweiten Abschnitt des Abschnitts “Der Genesende“ zu finden. Die vorletzte befindet sich noch zwanzig Seiten vorher, im Abschnitt „Von alten und neuen Tafeln“. Es ist eine Stelle, an der Zarathustra nicht mehr über den Menschen nachdenkt, sondern über sich selbst, und sich erinnert, wie er einst den Übermenschen erwähnte – ohne zu kommentieren, ob er glaubt, dass er damals Recht hatte. Hier, im dritten Teil, nähert Zarathustra sich einem psychischen Zusammenbruch. Bald ist er kein Prophet mehr, bald muss er von anderen, seinen Tieren, der Schlange und dem Adler, dazu aufgefordert werden, wieder aufzustehen und zu handeln. Und bei dieser Aufforderung erwähnen die Tiere, zum zweiten Mal im Buch, die ewige Wiederkehr des Gleichen, und spielen im Rahmen dessen auch noch ein letztes Mal auf den Übermenschen an.
Es ist das einzige Mal, dass diese beiden wichtigen Nietzscheschen Gedanken innerhalb von Also Sprach Zarathustra fast nebeneinander erwähnt werden. Was geschieht? Die Tiere sehen Zarathustra, zusammengebrochen. Er beginnt zu sprechen und erwähnt nur noch, dass er der ganzen Menschheit müde ist. Hier beschreibt er die ewige Wiederkunft des Gleichen, zuerst als etwas Negatives: „Allzuklein der Größte! – das war mein Überdruß am Menschen! Und ewige Wiederkunft auch des Kleinsten! – das war mein Überdruß an allem Dasein!“ Er verweist zurück auf seine Vorrede und auf die Gründe, warum er damals sagte, der Mensch solle überwunden werden. Er war psychisch dem Gedanken, dass die schreckliche menschliche Existenz ewig sein sollte, nicht gewachsen. Deswegen musste er an die Möglichkeit eines besseren Menschen glauben. Er gesteht ein, dass er die Wirklichkeit nicht ertragen konnte und deswegen eine übergreifende Wirklichkeit, eine größere, bessere Zukunft brauchte. Er gibt implizit zu, dass er sich des Historizismus schuldig gemacht hat. Und dann antworten ihm seine Tiere, versuchen ihn aufzumuntern: „Denn deine Tiere wissen es wohl, o Zarathustra, wer du bist und werden mußt: siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft….“ Seine Tiere betrachten ihn also nicht, oder nicht mehr, als Verkünder des Übermenschen, Verkünder eines Fortschrittsgedanken, Verkünder eines Historizismus. Damit wird nochmals bestätigt, dass Zarathustra wirklich eine Figur ist, und nicht nur das Sprachrohr Nietzsches – weil er sich seit dem ersten Buch stark entwickelt hat, und weil seine Tiere ihn mitfühlend als grundsätzlich anders betrachten als er sich selbst betrachtet.
Die letzte Erwähnung des Übermenschen, kurz darauf, erfolgt in einem fast postmodern indirekte Abschnitt. Die Tiere erzählen ihm weiter von sich und berichten ihm, was er sagen wird. Sie vermitteln, was die Aussagen desjenigen, der im Buch größtenteils zu Wort kam, sein werden. Angaben über ihre Zuverlässigkeit sind nicht vorhanden. Sie sagen, dass Zarathustra sagen wird: „…ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben……. daß ich wieder alle Dinge ewige Wiederkunft lehre…… daß ich wieder den Menschen den Übermensch künde.“ Was hier vermittelt wird, ist eine Art Auflistung von Zarathustras Lehren. Was hier aber unklar bleibt, ist, ob diese Lehren einen notwendigen Zusammenhang haben oder ob die Tiere einfach von Zarathustras ideengeschichtlichem Werdegang erzählen. Es ist jedenfalls auffällig, dass die ewige Wiederkunft des Gleichen (jedenfalls als solche benannt) zum ersten Mal in genau demselben Abschnitt erwähnt wird, in dem zum letzten Mal auf den Übermenschen angespielt wird.
Es ist möglich Also Sprach Zarathustra als Bildungsroman zu betrachten. Zarathustra glaubt am Anfang schon alles zu wissen, aber später bricht er zusammen, verzweifelt, und findet zu anderen Auffassungen. So wie Menschen es auch in Wirklichkeit tun, macht er sich aber nicht die Mühe, seine alten Gedankenfehler zu widerrufen. Stattdessen spricht er einfach nicht mehr von ihnen. Der Gedanke an den Übermenschen ist damit parodistisch geworden, und dabei vor allem als Parodie auf den Darwinismus, oder jedenfalls auf den historizistischen Darwinismus, der zu jener Zeit Konjunktur hatte. Nietzsche zeigt die Fehlbarkeit Zarathustras, seines alter ego, mit einem frühen Gedankenfehler – das könnte eine Lesart sein.
Schlußüberlegung
Nietzsche hat in Also Sprach Zarathustra eine fiktionale Form gewählt, weil sein Denken zu kompliziert und widersprüchlich war, um sich in einer der weniger ambivalenten Formen, die in der akademischen Philosophie verfügbar waren, zu äußern. Er brauchte eine Figur statt einem Sprachrohr, um den Widersprüchlichkeiten gerecht zu werden.
Ein Grund war zum Teil, dass er sich mit dem komplizierten Denken seiner Zeit auseinandersetzen musste, dem er nicht un-ambivalent gegenüberstand, obwohl seine zahlreichen starken Aussagen gegen zeitgenössische Denktendenzen anders vermuten lassen.
Eine der Denktendenzen, mit denen er sich beschäftigte, war der Historizismus. Eine andere war der Darwinismus, der ihn in gewisser Hinsicht inspirierte, ihn aber in der historizistischen Form, die er in der populären Wahrnehmung im neunzehnten Jahrhundert annahm, vor allem abstieß. Das Auftreten, und dann das Verschwinden des Übermenschen in Also Sprach Zarathustra kann, meiner Meinung nach, als eine Parodie dieses historizistischen Darwinismus beobachtet werden.
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